Bodenseeländertagung 1992

Ich habe heute im Archiv der Österreichischen Gehörlosenzeitung (ÖGLZ) gestöbert und bin auf einen bemerkenswerten Kurzbericht über die Bodenseeländertagung 9.-13. April 1992 in Wien gestoßen.

Wörtlich steht es da:

„Es kamen unter anderem auch Präsidenten der Gehörlosenverbände aus Deutschland und der Schweiz (auch Österreich war vertreten, Anm.). Ein gehörloser Experte für die Gebärdensprache, der aus Amerika angereist war, konnte referieren.“

Weiters:

„Junge gehörlose Menschen, die an verschiedenen Arbeitskreisen teilnahmen, konnten Statements abgeben und mit hörenden Professoren über ihre eigenen Erfahrungen sprechen.“

Im Fotountertitel steht, dass der Präsident des ÖGLB, Prof. Peter Dimmel, sich für das große Verständnis und den Mut der Organisatioren bedankte:

„… auch Hörbehinderte und Gehörlose seit Bestehen dieser Veranstaltung zum ersten Male  mitreden durften.“

Ja, auch so geht Inklusion!

Es wird übrigens spannend, was über die heurige Bodenseeländertagung 2016 berichtet wird, die vom 30. März bis 1. April im Zentrum Mils (Tirol) stattfinden wird. Alle Vorträge der „Fachtagung für Hörgeschädigtenpädagogik im deutschsprachigen Raum“ (wie die Veranstaltung sich selbst nennt) werden mit Österreichischer Gebärdensprache und Schriftdolmetscher begleitet.

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Sprachencode-Tabelle blendet Österreichische Gebärdensprache aus

Screenshot_2016-02-20-16-31-00-1-1Jährlich seit dem Jahr 2000 wird am 21. Februar der Internationale Tag der Muttersprachen begangen. Dieser Gedenktag wurde von der UNESCO zur „Förderung sprachlicher und kultureller Vielfalt und Mehrsprachigkeit“ ausgerufen.

In der OTS-Aussendung OTS0177 vom 19. Februar 2016 teilte Bildungsministerin Heinisch-Hosek mit, dass sie stolz darauf sei, muttersprachlichen Unterricht in 25 Sprachen anbieten zu können.

Tatsache ist, dass die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) vom Bildungsministerium offiziell nicht erfasst wird. Statistik Austria stellt für öffentliche Schulen Formulare, Erläuterungen und Hilfstabellen online zur Verfügung (Stand 30. November 2015). Die ÖGS ist in die aktuelle Sprachencode-Tabelle nach wie vor nicht aufgenommen worden.

Trotz der verfassungsrechtlichen Anerkennung der Österreichischen Gebärdensprache (ÖGS) im B-VG Art. 8 Abs. 3 im Jahr 2005 hat das Bildungsministerium das Thema „ÖGS im Unterricht“ in keinen Nationalen Bildungsbericht (bisher 2009 und 2012) aufgenommen. Somit ist nicht bekannt, wieviele Schülerinnen und Schüler die Österreichische Gebärdensprache als ihre Erst- bzw. Zweitsprache (sei es Muttersprache oder Fremdsprache) verwenden.

Das Bildungsdokumentationsgesetz sieht die Möglichkeit der Nennung von mehr als einer Sprache ausdrücklich vor, weil in vielen Familien mehr als eine Sprache gesprochen wird. Anhand der Sprachencode-Tabelle (Stand 2015) lässt sich erkennen, welche Sprachen vom Bildungsministerium erfasst werden. Sie listet die im Alltag gebrauchte(n) Sprache(n) der Schülerin bzw. des Schülers auf und sind als Buchstabencode (z.B. D = Deutsch, E = Englisch, TR = Türkisch, SB = Serbisch, KT = Kroatisch, UN = Ungarisch, usw.) in den Erhebungsunterlagen einzutragen.

Am 2. April 2015 wollte ich wissen:

1) aus welchen Gründen ist die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) im Verzeichnis der Sprachencodes* (zur Angabe über die im Alltag gebrauchte(n) Sprache(n) des Schülers) nicht angeführt?

2) nach welchen Kriterien wird eine Sprache in das betreffende Verzeichnis aufgenommen und wer ist dafür zuständig?

3) ist von seiten BMBF angedacht, die Österreichische Gebärdensprache (anerkannt als Minderheitensprache nach Art 8 Abs 3 B-VG) in das Verzeichnis aufzunehmen? *) gemäß der Bildungsdokumentationsverordnung (BilDok) BGBl. II Nr. 499/2003

Das Bildungsministerium antwortete am 31. Juli 2015 auf meine Anfrage wie folgt:

Der Wunsch nach Aufnahme der Österreichischen Gebärdensprache in dieses Verzeichnis der Sprachencodes für die Datenerhebung gem. Bildungsdokumentationsgesetz war bisher nicht bekannt und wurde nun erstmalig von Ihrer Seite an die für die Bildungsdokumentation zuständige Abteilung IT/1 des BMBF herangetragen.

Dem vorangegangen war meine Anfrage vom 21. Februar 2015 an das Bundesministerium für Bildung, das Verzeichnis der Sprachencodes an mich zu übermitteln.

Gemäß der Bildungsdokumentationsverordnung (BilDok) BGBl. II Nr. 499/2003 ersuche ich um Übermittlung

1) des Verzeichnisses der Sprachencodes (zur Angabe über die im Alltag gebrauchte(n) Sprache(n) des Schülers
2) der statistischen Auswertung mit Information darüber, wieviele Schulkinder zweisprachigen Unterricht (Österreichische Gebärdensprache und Deutsch) pro Jahr erhalten.

Unter diesem Link (fragdenstaat.at) können sowohl meine Anfragen als auch die Antwortschreiben des Bildungsministeriums nachgelesen werden.

Nach Artikel 31 der UN-Behindertenrechtskonvention (Statistik- und Datensammlung) ist Österreich verpflichtet, geeignete Informationen zu sammeln, einschließlich statistischer Angaben und Forschungsdaten, die es ermöglichen, politische Konzepte zur Durchführung der UN-Behindertenrechtskonvention auszuarbeiten und umzusetzen.

Österreich hat in Bezug auf die Erst- und Zweitsprache (unabhängig vom Hörstatus der betroffenen Personen) keine Statistiken und Datensammlungen zu ÖGS. Insbesondere in den Bereichen Frühförderung und Bildung verfügt Österreich in Bezug auf ÖGS als Förder- bzw. als Unterrichtssprache über keine valide Daten.

Do it yourself. NEOS Wien untertitelt eine Parlamentsrede

Dass die Untertitelung von Webvideos selbstverständlich sein sollte, wissen wir.
Ganz selten hingegen ist, dass eine politische Partei Reden von ihren Abgeordneten selbst nachträglich untertiteln.
Dieses positive Beispiel von NEOS Wien möchte ich hier nicht vorenthalten.

Hinzufügen möchte ich allerdings, dass WCAG 2.0 (Richtlinien für barrierefreie Webinhalte) die Untertitelung bereits in Stufe A vorschreibt  (Punkt 1.2.2). Unabhängig davon, ob Ton vorhanden ist oder nicht.
http://www.w3.org/Translations/WCAG20-de

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Bildquelle: Rede von NR-Abg. Beate Meinl-Reisinger im Nationalrat am 01.09.2015

Unterrichtsausschuss: Die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) muss als Unterrichtssprache eingeführt werden!

Die Entscheidungsmacht und Verantwortlichkeit über die Einführung der Österreichischen Gebärdensprache als Unterrichtssprache in Österreichs Schulen liegt in den Händen des Unterrichtsausschusses. Bereits kommende Woche, am 5. Mai 2015 hält der Ausschuss seine nächste Sitzung ab und befasst sich dabei (voraussichtlich) mit TOP 9: Parlamentarischer Entschliessungsantrag der Abg. Helene Jarmer, Kolleginnen und Kollegen betreffend „Einführung der Österreichischen Gebärdensprache als Unterrichtssprache“ (831/A(E)).

Säulenhalle des ParlamentsDie Österreichische
Gebärdensprache
(ÖGS) muss als
Unterrichtssprache
eingeführt werden!

Die Rahmenbedingungen in den sogenannten Gehörlosenschulen sowie in Integrationsklassen sind weit von den geforderten pädagogischen Qualitätsstandards entfernt und die Ausbildung von meisten Gehörlosenlehrerinnen und -lehrern an den Pädagogischen Hochschulen ist im internationalen Vergleich auf einem niedrigen Niveau. Unter diesen Bedingungen können Kinder mit ÖGS als Mutter- bzw. Erstsprache keinen oder nur eingeschränkt barrierefreien und inklusiven Zugang zu Bildung erhalten.

Das UN-Menschenrechtskomitee in Genf hat im September 2013 überprüft, wie in Österreich die UN-Behindertenrechtskonvention umgesetzt wird. Bei dieser Staatenprüfung hat das Komitee einige Mängel festgestellt und  Handlungsempfehlungen u.a. zu Bildung (Artikel 24) ausgesprochen:

42. Es scheint, dass auch ein Mangel an Lehrerausbildung für Lehrende mit Behinderungen und Lehrende, die die Gebärdensprache benutzen, besteht. Ohne eine ausreichende Anzahl von Lehrenden mit Gebärdensprachkenntnissen besteht eine bedeutende Benachteiligung von gehörlosen Kindern.

43. Das Komitee empfiehlt, dass größere Anstrengungen unternommen werden, um Schüler und Schülerinnen mit Behinderungen in allen Bereichen der inklusiven Bildung vom Kindergarten bis zur Sekundarstufe zu unterstützen. Insbesondere empfiehlt es dem Vertragsstaat sicherzustellen, dass Menschen mit Behinderungen, einschließlich Kinder mit Behinderungen und ihre repräsentativen Organisationen, in die alltägliche Umsetzung inklusiver Bildungsmodelle, die in mehreren Ländern eingeführt wurden, eingebunden werden. Das Komitee empfiehlt ebenfalls, dass größere Anstrengungen unternommen werden, um Menschen mit Behinderungen zu ermöglichen, an Universitäten oder anderen tertiären Bildungseinrichtungen zu studieren. Das Komitee empfiehlt ferner, dass der Vertragsstaat seine Bemühungen verstärkt, Lehrenden mit Behinderungen und Lehrenden, die die Gebärdensprache beherrschen, qualitative Ausbildungsmöglichkeiten zu bieten, um die Bildung von gehörlosen und hörgeschädigten Mädchen und Jungen in Übereinstimmung mit der offiziellen Anerkennung der Gebärdensprache in der Verfassung von Österreich zu fördern.

Die Einführung der ÖGS als Unterrichtssprache stellt eine effiziente Investition in das Humankapital durch bessere Bildung aller Schulkinder mit ÖGS als Mutter- bzw. Erstsprache und Deutsch als Zweitsprache dar. Die Einführung eines bilingual-bimodalen Lehrplanes mit ÖGS und Deutsch als gleichberechtigte Unterrichtssprachen beginnend mit dem Eintritt in die Pflichtschule stellt einen effektiven Weg zur Erreichung dieses Zieles dar.

Wir brauchen keine Politik der kleinen Schritte mehr, es braucht eine Sprachenpolitik, die in der Lage ist, die ewigen, scheinideologischen Barrieren im Bildungsbereich für gehörlose und hörbehinderte Schulkinder zu überwinden!

Es ist zu hoffen, dass die Parlamentarinnen und Parlamenterier die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit des Anliegens in ähnlicher Weise sehen.

Kommenden Dienstag werden wir diesbezüglich mehr wissen.

Folgendes E-Mail ergeht in diesen Tagen an die zuständigen Ausschussmitglieder und soll ihnen unseren Standpunkt nochmals deutlich machen:

M U S T E R T E X T:

Sehr geehrte Abgeordnete zum Nationalrat,
sehr geehrter Abgeordneter zum Nationalrat,

dieses Schreiben betrifft den parlamentarischen Entschliessungsantrag 831/A(E) (XXV. GP) „Einführung der Österreichischen Gebärdensprache als Unterrichtssprache“.

Wir, vom Elternnetzwerk „ÖGS als Unterrichtssprache – Kinder haben Rechte!“ und UnterstützerInnen haben am 19. Dezember 2014 begonnen, Eltern für diese Anliegen zu gewinnen, da unserer Erfahrung nach einigen gehörlosen Schulkindern ihr Recht auf ÖGS im Unterricht verwehrt wird.

Die Forderung der Eltern gehörloser Kinder und erwachsener, gehörloser Menschen, die selbst Bildungsdiskriminierung erlebt haben ist: flächendeckende Einführung der ÖGS im Unterricht! Zahlreiche wissenschaftliche Befunde und Stellungnahmen belegen die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit der Einführung der ÖGS als Unterrichtssprache.

Exemplarisch werden einige davon an dieser Stelle angeführt:

(1.) Das Institut für Höhere Studien (IHS) veröffentlichte September 2014 eine sehr lesenswerte Studie mit dem Titel „Abschätzung der Bedarfslage an ÖGS-DolmetscherInnen in Primär-, Sekundär- und Tertiärbildung sowie in Bereichen des täglichen Lebens“ (Jakob Hartl und Martin Unger, unter Mitarbeit von Stephan Kratochwill). Im Rahmen der Studie soll der Umfang des Bedarfs an ÖGS-DolmetscherInnen unter gebärdenden Personen in Österreich abgeschätzt werden. Sie spart auch nicht mit Kritik, wenn es beispielweise heißt: „Während Minderheitensprachen explizit als schützenswertes Kulturgut betrachtet und damit positiv besetzt werden, bleibt die ÖGS negativ besetzt und die meisten gesetzlichen Regelungen für den Gebrauch von ÖGS in einem Defizitdiskurs gefangen, der an die ‚Ausländerpädagogik‘ der 1960er bis frühen 1980er Jahre erinnert.“
Woran mangelt es derzeit? „Die Bewusstseinsbildung ist Dreh- und Angelpunkt aller Fragen der Bildungsteilhabe von gehörlosen SchülerInnen. Deutsche Lautsprache ist als Schriftsprache unerlässlich für den Bildungserfolg, doch durch die Beherrschung ihrer Erstsprache haben gehörlose Kinder eine Chance deutsche Lautsprache – als ihre erste Fremdsprache – in einem Maß zu erlernen, die zu voller und wirksamer Bildungsteilhabe befähigt“, halten die Autoren der Studie unmissverständlich fest.
Und auch die in der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen festgeschriebene Inklusion wird klar benannt: „Womit die Argumentation zum eingangs aufgebrachten Punkt zurückkehrt: ÖGS ermöglicht Gehörlosen die Teilhabe am allgemeinen sozialen Leben, ein Bekenntnis zur Inklusion muss ein Bekenntnis zur ÖGS, ihrem Unterricht, ihrer Förderung und Entwicklung beinhalten.“ Die Studie im Detail finden Sie unter
https://www.bmbf.gv.at/schulen/sb/oegs_dolmetscherinnen.html

(2.) Viele Reformen der Bildungsgesetze sind in zahlreichen Ländern bereits erfolgreich umgesetzt, unter anderem in Schweden ist die Schwedische Gebärdensprache seit 1981 anerkannt, Bilinguale Bildung mit Schwedischer Gebärdensprache als erste Sprache gesetzlich vorgeschrieben, in Finnland ist seit 1995 Finnische Gebärdensprache als Minderheitensprache in der Verfassung verankert und Bildung mit Finnischer Gebärdensprache als erste Sprache gesetzlich vorgeschrieben. Weitere Länder in Europa und weltweit verfolgen ähnliche bildungspolitische Aktivitäten. (South African Sign Language – Zwischen Gesetz und Realität. Die Diplomarbeit von Nicole Sauer, 2013 finden Sie unter http://othes.univie.ac.at/26187/1/2013-01-31_0609185.pdf)

(3.) Der Reform des Lehrplans der Sonderschule für Gehörlose brachte im Jahr 2008 zwar eine Verbesserung insofern, als die stark veraltete Terminologie und Ideologie bereinigt wurde, jedoch ergaben sich keine wirklichen inhaltlichen Reformen. ÖGS bleibt weiterhin eine fakultativ heranzuziehende aber keine grundlegende, systematisch einzusetzende Ressource. Es gibt keinen bilingualen Lehrplan unter Einbeziehung von ÖGS und Deutsch. (Stellungnahme von VerbAL zum Lehrplan der Sonderschule für gehörlose Kinder am 19.11.2007, http://www.univie.ac.at/linguistics/verbal/fileadmin/user_upload/Stellungnahmen/ST_2007_LehrplanGehoerlose.pdf)

Die hier in Kürze angeführten Forschungsergebnisse belegen eindeutig: Die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) muss als Unterrichtssprache eingeführt werden!

Als Eltern von gehörlosen Kindern sind wir auf Basis zahlreicher wissenschaftlicher Belege und Stellungnahmen von Expertinnen und Experten von der Tatsache überzeugt, dass unseren Kindern kein gleichberechtigter und barrierefreier Zugang zu Bildung gewährt wird, solange unserer Forderung nach flächendeckendem Einsatz der ÖGS im Unterricht nicht Folge geleistet wird.

Mit der rechtlichen Verankerung der ÖGS im Lehrplan der Sonderschule für gehörlose Kinder hat das Bildungsministerium einen Meilenstein gesetzt. Das ist aber nicht genug!

Laut uns bekannter Informationen ist die Einführung eines bilingualen Lehrplans mit ÖGS als Unterrichtssprache im zuständigen Bildungsministerium bedauerlicherweise kein Thema.

Wir sind davon überzeugt: für den Staat lohnt sich die Investition der Einführung der Österreichischen Gebärdensprache (ÖGS) als Unterrichtssprache vor allem im Hinblick auf die Lern- und Leistungsfähigkeit der Kinder mit ÖGS als Mutter- bzw. Erstsprache und für deren spätere Lebensperspektiven.

Wir laden Sie und Ihre Partei hiermit ein, den geschilderten Sachverhalt bei der Sitzung des Unterrichtsausschusses inhaltlich zu unterstützen und den Weg für eine zeitnahe, österreichweite Umsetzung zu bereiten.

Helfen Sie mit, die Zukunft der Menschen mit Österreichischer Gebärdensprache als deren Mutter- bzw. Erstsprache zu sichern! Wir und vor allem die nächsten Generationen werden es Ihnen danken!

Mit freundlichen Grüßen,

(hier Name der Mutter/des Vaters reinschreiben, Name(n) der Kind(er) oder Name des Unterstützers/der Unterstützerin)

E – M A I L L I S T E:

UnterstützerInnen können das Dokument: Mail-Liste des Unterrichtsausschusses (XXV. GP) für den Mailversand an Abgeordnete und Abgeordneten des Unterrichtssausschusses verwenden (spätestens bis Dienstag 5. Mai 2015 um 16:00 Uhr möglich)

Angaben zum Foto: Säulenhalle des Parlaments. Dierk Schäfer/flickr (CC BY 2.0)

Arbeitspapier über individuelle und kollektive Rechte von gebärdensprachigen Personen

Ich habe mir ein wenig Zeit genommen, ein sehr interessantes Arbeitspapier zu lesen. Ziemlich allen Punkten kann ich nur zustimmen. Nach zahlreich vorangegangenen Gesprächen mit meinen bekannten und befreundeten insbesondere tauben AktivistInnen kann ich mir ausmalen, was für eine Diskussion dieses Papier auslösen würde. Um es Personen im deutschsprachigen Raum zugänglich zu machen, habe ich versucht eine grob übersetzte Zusammenfassung von wichtigsten Punkten zu schreiben. Es handelt sich um:Arbeitspapier

On „diversity“ and „inclusion“: Exploring paradigms for achieving Sign Language People’s rights. Annelies Kusters, Maartje de Meulder, Michele Friedner, Steve Emery. 2015. Max Planck Institute for the Study of Religious and Ethnic Diversity

Link zum vollständigen Arbeitspapier in englischer Sprache:
http://www.mmg.mpg.de/publications/working-papers/2015/wp-15-02/

Freie Übersetzung (die Angaben beziehen sich auf die AutorInnen des Arbeitspapiers):

Über die Notwendigkeit, Gruppenrechte einzufordern

Die AutorInnen bestätigen, dass das UN-Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK) das Recht auf bilingualen Unterricht mit Gebärdensprachen und den Erwerb und den Gebrauch von Gebärdensprachen unterstützt.

ABER: es umfasst dieses Recht als individuelles(!) Menschenrecht, also eine Entscheidung die ein behindertes Kind (oder seine/ihre Eltern) treffen kann.

Kritik am Menschenrechtsrahmen wegen dem Fokus auf individuelle Rechte (Merry 2009): Menschenrechte sind so gestaltet, um individuelle Rechte sicher zu stellen; Menschenrechtsdokumente (wie die UN-BRK) betrachten Gemeinschaften als Gruppen von Inhabern individueller Rechte.

Personen, die den Gebärdensprachgemeinschaften angehören, müssen ihre kollektive Rechte (Gruppenrechte) energisch einfordern.

Die UN-BRK beharrt nicht darauf, dass Personen, die den Gebärdensprachgemeinschaften angehören, als eine Gruppe das Recht auf Selbstbestimmung haben.

Die UN-BRK nimmt auf bioethische Fragen keinen Bezug. Das sei problematisch, insbesondere im Hinblick auf Präimplantationsdiagnostik (PID) und genetische Eingriffe. Nach Kayess und French könnte es sich als das größte Versagen herausstellen (2008: 29). Dieses Schweigen ist umso bemerkenswert, da eine der neun allgemeinen Prinzipien der Behindertenrechtskonvention lautet: „Achtung vor der Unterschiedlichkeit von Menschen mit Behinderungen und die Akzeptanz dieser Menschen als Teil der menschlichen Vielfalt und der Menschheit“ (Artikel 3 (d)) (De Meulder 2014).

Personen, die den Gebärdensprachgemeinschaften angehören, sind mit einer langen Geschichte der Eugenik konfrontiert: sie durften nicht heiraten (Beispiele sind in der Vergangenheit Alexander G. Bell in den USA  und gegenwärtig Adamorobe in Ghana, letzteres siehe Kusters 2012), sie wurden sterilisiert (vor und nach dem 2. Weltkrieg), sie wurden körperlich beseitigt (unter dem NS-Regime), taube Föten wurden abgetrieben, sie wurden mittels IVF (In Vitro Fertilisation) aussortiert (liberale Regierungen). In jüngster Zeit wird eine Gentherapie eingeführt, um Taubheit zu „heilen“ (Thomson 2014). Befürworter der liberalen Eugenik wollen Eltern die Wahlfreiheit zugestehen, Technologien zu nutzen, damit ihre Kinder frei von „Behinderung“ auf die Welt kommen (Harris 2007, Savulescu 2001). Die AutorInnen argumentieren, dass genetische Eingriffe zur Beseitigung des „Taubheitsgens“ gleichzeitig „Verlust der Diversität“ bedeute. Damit könne begründet werden, weshalb Personen, die die Gebärdensprache nutzen, ihr „Recht auf Geburt“ zugestanden werden soll (Bryan und Emery 2014). Dieses Recht sollte nicht von Debatten über das Lebensrecht der Ungeborenen getrübt werden (UN-BRK Artikel 10); Wenn man daraus folgert, dass taube Menschen eine kollektive Minderheitengruppe bilden und genetische Methoden zur Beseitigung der Taubheit vorangetrieben werden, bewegt es sich praktisch in die Richtung der endgültigen Beseitigung dieser Gruppe.

Die Gehörlosengemeinschaften streben nach mehr als nur gleichberechtigte Teilhabe ihrer individuellen Mitglieder in der Gesellschaft; lediglich die Anerkennung der Rechte von Individuen (z.B. Gebärdensprache im bilingualen Unterricht oder die Verwendung der Gebärdensprache) wird nicht das Überleben der Gruppe schützen.

Es gibt mehrere andere Möglichkeiten, die vom WFD und von Akademikern und aktiven Personen, die die Gebärdensprachen nutzen, verfolgt werden können. Zum Beispiel existieren einige Übereinkommen der UNESCO, die relevant sein können für Personen, die den Gebärdensprachgemeinschaften angehören:

  • das UNESCO Übereinkommen gegen Diskriminierung in der Bildung (1960) sieht die Einrichtung von getrennten Schulen vor (mein Kommentar: diesem Punkt kann ich nicht zustimmen. Inklusive Bildung nach Artikel 24 UN-BRK ist klar vorzuziehen) und erkennt das Recht von Minderheiten an, ihre eigenen Erziehungsarbeiten zu leisten;
  • das UNESCO Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes (2003) betont die Bedeutung des immateriellen Kulturerbes als Triebfederder kulturellen Vielfalt;
  • das UNESCO Übereinkommen zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen (2005) schafft Voraussetzungen für das Gedeihen von Kulturen, um die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen zu schützen und zu fördern.

Es existieren mehrere Konventionen, Erklärungen und Rahmenübereinkommen der UN, die für Personen, die den Gebärdensprachgemeinschaften angehören, nützlich sein können:

  • die UN Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes (1948). Die zwei von sechs Definitionen von Völkermord können auf die heutige Assimilationserziehung in der Minderheitenbildung angewendet werden (Skutnabb-Kangas 2000 und Jokinen 2000);
  • der UN Internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte (1966), Artikel 27 über sprachliche und kulturelle Rechte von Personen, die den Minderheiten angehören.

Aktivisten können auch auf regionaler Ebene arbeiten:

  • es existieren zum Beispiel regionale Dokumente wie Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen (1992) oder das
  • Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten (1995), die den Personen von gebärdensprachigen Gemeinschaften Ansprüche auf linguistische und kulturelle Rechte bieten können.

Gemeinschaften von gebärdensprachigen Personen müssen auch eine gewisse Verantwortung übernehmen: die meisten von ihnen positionieren sich nicht deutlich als eine nationale Sprachminderheit; unter nationalen Gehörlosenorganisationen gibt es einen Mangel an Kenntnissen über einschlägige Rechtsvorschriften; ihre Anstrengungen, Energien und Ressourcen sind auf die Umsetzung der Behindertenrechtskonvention gerichtet;

Für den Rechtsrahmen einer Gruppe z.B. für Personen, die den Gebärdensprachgemeinschaften angehören, können jene erlassenen Rechte der indigenen Völker dienen. Beispiele für solche rechtlichen Rahmenbedingungen sind:

  • das ILO Übereinkommen über eingeborene und in Stämmen lebende Völker in unabhängigen Ländern (1989) und
  • die UN-Deklaration über die Rechte der indigenen Völker (2007).

In diesem Zusammenhang sind die AutorInnen der Meinung, dass es sinnvoll wäre, über den Inhalt der Ausarbeitung einer ‘Konvention über gebärdensprachige Menschen’ nachzudenken. Ein solches Übereinkommen würde über die individuellen Menschenrechte hinaus gehen, um auch kulturelle Anerkennung und Gruppenrechte zur Folge zu haben.

Die AutorInnen sind der Meinung, dass so eine Konvention ermöglichen würde, zu mehr Vielfalt und Inklusion zu kommen.

Abschluss

Effektive Inklusion von Personen, die Gebärdensprachgemeinschaften angehören, als Teil der (menschlichen) Vielfalt (Diversity): es ist notwendig, eine breitere Definition der gesellschaftlichen Inklusion aufzustellen, die auch gebärdensprachige bilinguale Bildung in einer Gruppe fördert;

Sowohl individuelle als auch kollektive Rechte sicherstellen;

Das Konzept “Diversität” soll als Begriff genutzt werden, das der politischen Arbeit ermöglichen kann über „Inklusion“ (wie sie oft verstanden wird) hinaus zu gehen;

Es braucht ein neues Paradigma für das Verständnis, dass gebärdensprachige Personen ein Teil der Vielfalt sind und wie sie aufgenommen werden sollen;

Es geht nicht nur um den Beitrag zur Gesellschaft, sondern auch um die zugrunde liegenden Annahmen über das Verständnis von Vielfalt und Inklusion kritisch zu hinterfragen;

Tatsächlich können wir argumentieren, dass Diversität und Inklusion für und mit gebärdensprachigen Personen nicht ohne Anerkennung ihrer kollektiven Selbstbestimmung und ohne Gruppenrechte möglich ist.

Eltern gegen Windmühlen der Schulbehörden: Österreichische Gebärdensprache „keine lebende Fremdsprache“

Landesschulrat für Niederösterreich

Landesschulrat für Niederösterreich

Heute haben wir ein Brief vom Landesschulrat für Niederösterreich erhalten.

Die Kopie stellen wir der Öffentlichkeit zur Verfügung, damit sich jeder selbst ein Bild davon machen kann.

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Auszug aus dem Schreiben:

„Gemäß § 18 Abs. 12 des SchuG hat auf Antrag eines Schülers, dessen Muttersprache nicht die Unterrichtssprache der betreffenden Schule ist, der Schulleiter zu bestimmen, dass hinsichtlich der Beurteilung die Unterrichtssprache an die Stelle der lebenden Fremdsprache tritt, wenn eine lebende Fremdsprache als Pflichtgegenstand in der betreffenden Schulstufe lehrplanmäßig vorgesehen ist.
Angemerkt werden darf, dass es sich bei der ÖGS (…) nicht um eine ‚lebende Fremdsprache‘ handelt und sie auch nicht als lebende Fremdsprache in einem Lehrplan vorgesehen ist.“

Was wohl nur wenige wissen: an der Expositur der HLMW9 am Bundesinstitut für Gehörlosenbildung (mit zwei Schulstandorten im 9. und im 13. Wiener Gemeindebezirk) wird ÖGS als zweite lebende Fremdsprache angeboten. Zumindest im Stundenplan ist es eindeutig festgelegt. Allerdings soll es sich um ein Schulprojekt handeln, das vor einem Jahr gestartet wurde. Ob es aus behördlicher Sicht ein Unterschied ausmacht, wird sich klären müssen.

UPDATE:

Auch Eltern in Wien, die ähnliche Briefe an das Bildungsministerium verfasst hatten, erhalten nahezu wortidentische Schreiben vom Wiener Stadtschulrat.

Bisherige Korrespondenz in chronologischer Reihenfolge

Im eingeschriebenen Brief vom 30.9.2014 erging von uns an das Bildungsministerium:

Betrifft: Antrag auf Verwendung der Österreichischen Gebärdensprache als Unterrichtssprache

Sehr geehrte Damen und Herren,

Im Namen unserer Tochter *** und unseres Sohnes *** beantragen wir die Einführung bzw. Verwendung der Österreichischen Gebärdensprache (ÖGS) als Unterrichtssprache im Sinne des bilingualen Unterrichts (Deutsch als Zweitsprache) sowie die bescheidmäßige Erledigung dieses Antrags.
Da die Österreichische Gebärdensprache die Muttersprache unserer gehörlosen Kinder ist, wollen wir eine Gleichberechtigung unserer Kinder mit den VerwenderInnen der autochthonen gesprochenen österreichischen Minderheitensprachen (z.B. die Ermöglichung von Abschlussprüfungen in Österreichischer Gebärdensprache) und der Kinder mit anderen Muttersprachen als Deutsch.“

Im Schreiben vom 24.11.2014 erging an uns ein Brief vom Bildungsministerium mit knappem Absatz:

„Ihr Antrag (…) auf Einführung bzw. Verwendung der Österreichischen Gebärdensprache als Unterrichtssprache sowie bescheidmäßige Erledigung dieses Antrags wurde zuständigkeitshalber an den Landesschulrat für Niederösterreich weitergeleitet.“

Beschreibe „geistig behinderte“ Menschen!

Eine Hausübung als Stein des Anstoßes: gehörlose Schulkinder sollen zum Thema „Behinderung“ die Begriffe über Behinderungen und deren Merkmale aufschreiben. „Geistig behinderte“ Menschen werden als „schwach“ bzw. „dumm“ bezeichnet und können „nicht denken“.

Gehörlose SchülerInnen einer Volksschulklasse im Bundesinstitut für Gehörlosenbildung (BIG) mussten nach Anleitung einer Pädagogin (Name der Redaktion bekannt) ihre Hausübung schreiben.

Bei mir löst so was nur Kopfschütteln aus. So etwas hat im modernen Unterricht ganz klar nichts verloren. Für mich ein Beweis, wie unreflektiert damals (oder noch?) Lehrerinnen und Lehrer zur Sonderschule ausgebildet wurden. Eine umfassende Nachschulung bzw. Reform der Lehrausbildung im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention (Paradigma weg von der medizinisch-paternalistischen hin zur sozialen Sichtweise bzw. Bewusstseinsbildung) könnte hier Abhilfe schaffen.

Damit keine derartige Fettnäpfchen (das ist noch höflich ausgedrückt) auftreten, wird empfohlen, in Leidmedien.de mit Tipps zu Begriffe über Behinderung von A-Z nachzulesen. „Geistig-behindert“ ist wie „taubstumm“ ein absolutes No-Go. Stattdessen sollte der Begriff „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ geschrieben werden, wie es auch von Mitgliedern des Vereins PEOPLE FIRST Vienna verwendet wird.

UPDATE 01.03.2015:

Der Artikel rief meiner Wahrnehmung nach ein großes Echo hervor, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Schule. Nun wurde mir mitgeteilt, dass Verbesserungen an der Hausübung bereits am nächsten Tag vorgenommen wurden. Es wurden adäquate Ausdrücke thematisiert und diese auch verwendet. Die Hausübung wurde mit den Schulkindern noch einmal besprochen und überarbeitet.

An sich könnte der Fall als abgeschlossen betrachtet werden.

Dennoch bin ich nach wie vor skeptisch. Selbst wenn adäquate Ausdrücke verwendet worden wären, scheint mir die Qualität der Hausübung und damit offensichtlich auch der Unterricht im Bundesinstitut für Gehörlosenbildung aus inhaltlicher und didaktisch-methodischer Sicht niedrig zu sein. Ist der Inhalt der Hausübung pädagogisch geeignet, akzeptabel, relevant, passend und qualitätsvoll? Wird das Thema „Menschen mit Behinderungen“ zu vereinfacht und zu verkürzt angegangen? Kann damit eine maximale akademische Förderung von individuellen Fähigkeiten gehörloser Schulkinder erreicht werden?

Unbestritten ist, dass PädagogInnen hier eine Schlüsselrolle einnehmen, was Umsetzung von Inklusive Bildung und somit Bewusstseinsbildung betrifft. Die Bildungsbehörden müssen Maßnahmen setzen, dass Inklusionskompetenz aller PädagogInnen gewährleistet ist.

UPDATE 12.02.2015:

Es handelt sich um einen aktuellen Fall.

Einen von der Lehrerin/vom Lehrer vermittelten Unterrichtsstoff abzuschreiben und auswendig zu lernen ist bei gehörlosen Schulkindern (bei denen Deutsch die Fremdsprache ist) eine häufig angewandte Unterrichts- bzw. Lernmethode.

Zudem kommt in der besagten Schule keine bilinguale Methode (ÖGS und Deutsch), sondern die lautsprachliche Methode zum Einsatz. Unter Umständen wird LBG zusätzlich verwendet. (Es ist keine bilingual-integrative Klasse im BIG eingerichtet. Vor Jahren wurde ein solcher Antrag von zwei gehörlosen Eltern abgelehnt)

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